Child-Survivors-Deutschland
Überlebende Kinder der Shoah


Stolpersteine

Seit 1997 besteht das von dem Künstler Günter Demnig ins Leben gerufene Projekt "Stolpersteine", das an die Vertreibung gesellschaftlicher Minderheiten in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern soll. "Stolpersteine" sind kleine Gedenktafeln, die an den Orten in das Straßenpflaster gelegt werden, an denen einmal ein Mensch dem NS-Regime zum Opfer gefallen ist. Zweck dieser Gedenksteine ist es, den Menschen während seines alltäglichen Lebens in seiner gewohnten Umgebung über die Vergangenheit "stolpern zu lassen" und ihm bewusst zu machen, dass direkt dort, wo er gerade steht und geht, einmal eine schreckliche Tat gegen unsere Mitmenschen passiert ist.

Seit Anfang des Projekts wurden bereits 12.500 Steine in 277 Ortschaften verlegt und dies nicht nur in Deutschland, sondern ebenfalls in Österreich und sogar in Ungarn. Die Gebrüder-Montgolfier-Schule engagiert sich mit der AG-"Stolpersteine" unter Leitung von Frau Heineke für dieses Projekt. Uns Schülern ist es wichtig, die Menschen, die in unserer direkten Umgebung von den unvorstellbaren Verbrechen der Nationalsozialisten betroffen waren, nicht zu vergessen, ihre Geschichte aufzuarbeiten und sie für andere greifbar zu machen.

Unsere AG gestaltete bereits eine Gedenkveranstaltung in Verbindung mit einer Stolpersteinlegung für Frau Mathilde Müller, ihre Tochter Margot und ihren Sohn Rudolf Willdorff in Johannisthal im Jahr 2006, die große Betroffenheit bei den etwa 130 Gästen bewirkte. Im Zuge einer Stolpersteinverlegung, die bereits im Dezember 2007 für vier Mitglieder der Familie Selbiger und für Frau Klara Mugdan im Baumschulenweg stattfand, richtet unsere AG auch diesmal wieder eine Gedenkveranstaltung aus. Sie findet am 27. Februar 2008 in der Volkhochschule im Baumschulenweg um 15.00 Uhr statt. Über jeden, der Interesse zeigt, freuen wir uns sehr.

Tommy Wiesner, 12. Jahrgang

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Goldfarbene Steine am Güldenhofer Ufer

Letztendlich könnte man von Fügung sprechen. So genau und sensibel passte alles ineinander in der Feierstunde zur Einweihung der Stolpersteine am Güldenhofer Ufer 10 in Baumschulenweg. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula der Volkshochschule gestalteten am 27. Februar 2008 LehrerInnnen und SchülerInnen des Gebrüder-Montgolfier-Gymnasiums gemeinsam mit Angehörigen und Freunden der Opfer eine ungewöhnlich berührende Gedenkfeier.

Der Chor aus Schülern und Lehrern bekundete: "Die Tiefe der Nacht ist der Anfang des Tages". Instrumentalvorträge an Cello, Gitarre und Klavier wie auch Informationsbeiträge, Gesang und Gedichte folgten. Ein weiterer Programmpunkt war eine szenische Darstellung - eine Annäherung an die letzten Tage und Stunden der damals (1942) 83-jährigen Käte Mugdan, die unmittelbar vor der Deportation nach Theresienstadt in den Freitod ging. Sehenswert, wie mit sparsamsten Utensilien die Wesenszüge einer lebenszugewandten, zutiefts bedrängten Frau und ihres Enkels gestaltet wurden und dabei der unausgesprochene Entschluss aus Andeutungen und Gesten erkennbar wurde. Fast nahtlos schloss sich dem die Urenkeltochter an, die in ihrem ganz persönlichen Chansontext zur Melodie von Le Moribond von Jacques Brel sang: "Ich will Musik, Gedichte, Ruh, wenn ich schließe meine Augen zu..."

Die Auflehnung und der Widerstand - das wurde deutlich - waren möglich. Vielleicht wurden Gelegenheiten selten genutzt, vielleicht sind sie auch nur zu selten bekannt geworden. Als Nachbarn geschwiegen zu haben, das bedrückt auch nach Jahrzehnten die Nachfahren der Schweigenden, so sagte die Patin dieser Steine, Frau Thiele, Jahrgang 1940 in ihrer Ansprache. Ihrem unermüdlichen Suchen ist es zu verdanken, dass die Angehörigen aus Deutschland, der Schweiz und den USA hier zusammenkamen. Ein Urenkel schilderte, dass - durch die damalige Verfolgung bedingt - die heutigen Familienmitglieder über die ganze Welt zerstreut sind und fast nie zusammentreffen.



Im gleichen Hause Güldenhofer Ufer 10 lebten Alfred Selbiger, seine Eltern und seine Ehefrau. Er wurde als Geisel in Sachsenhausen erschossen, als er von den Nazi-Behörden in seiner Funktion bei der "Reichsvereinigung der Juden“ verantwortlich gemacht wurde für das „Untertauchen" von zur Deportation vorgesehenen Menschen. Ebenso überlebten auch seine Frau und seine Eltern den Terror nicht. Die weit verzweigte Familie Selbiger hat über 60 Tote zu beklagen. Einer der wenigen Überlebenden, Herr Horst Selbiger, nach der "Fabrikaktion" als 15-Jähriger verhaftet und nach den Protesten der nichtjüdischen Angehörigen in der Rosenstraße freigekommen, war aus Hessen angereist und sprach zu den vielen alten und jungen Teilnehmern der Feier über seine Familie und seine Erlebnisse. Er hat als Vorsitzender von "Child-Survivors-Deutschland" ständig mit den traumatischen Erlebnissen der Überlebenden zu tun. Nicht allen gelingt es, davon zu sprechen.

Ihm aber war es Ermutigung zu sehen, wie Lehrer und Schüler des Gebrüder-Montgolfier-Gymnasiums über ein Jahr lang außerunterrichtlich in einer AG unter Leitung von Frau Heineke an diesem Thema arbeiteten. So ist es sicher auch kein Zufall, dass diese Schule, im Ellernweg in Johannisthal gelegen, unlängst die Auszeichnung "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" erhielt. Nicht zuletzt sei erwähnt, wie gut auch die Zusammenarbeit mit Herr Pfarrer Dr. Kähler von der evangelischen Gemeinde Baumschulenweg war. Nicht nur, dass er den Gemeindesaal für alle Beteiligten öffnete und zu einer Gesprächsrunde mit Bewirtung durch Gemeindemitglieder einlud. Auch seine ganz persönliche, freundliche Ansprache führte dazu, dass Alte und Junge, religiös Gebundene und Ungebundene im Gespräch ihrer Trauer und ihrer Freude Ausdruck gaben und Mut zur Auseinandersetzung und zur Gemeinsamkeit finden konnten.

So reichten an diesem Tage Gespräche und Gesang, Gedanken und Gefühle von morgens 10.00 bis abends 21.00 Uhr. Wie gut, dass auch Bezirksamt und BVV das Anliegen unterstützten. Für all das Entgegenkommen und das entstandene Flair sei allen, auch den hier nicht einzeln Genannten, herzlich gedankt!

Ilse Nisch,
Stolperstein-Initiative beim Bund der Antifaschisten Treptow e. V.
27.2.08 Programm

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Sehr bewegt verließ ich am 27. Februar 2008 die Gedenkveranstaltung zur Stolpersteinlegung für Käte Mugdan; Heinrich, Emma, Alfred und Erika Selbiger, die in der Aula der Volkshochschule Treptow-Köpenick stattfand. Das war ein ganz besonderes Ereignis, da sich so viele Menschen nach all den vergangenen Jahren mit den Leben und Schicksalen dieser Personen beschäftigten, die entweder nach Auschwitz deportiert wurden oder sich vor der bevorstehenden Deportation das Leben nahmen.

Frau Thiele, eine Nachbarin der Opfer - damals selbst noch ein Kind, und ihre Brüder wollten wissen, was damals am Güldenhofer Ufer 10 in Baumschulenweg passiert war. Sie ist die Initiatorin der Stolpersteinverlegung, hat Familienangehörige, die jetzt in Deutschland, der Schweiz und den USA ansässig sind, gefunden und sie mit ihrem Vorhaben vertraut gemacht.

Frau Thiele fand viele Helfer: Der Bund der Antifaschisten Treptow und das Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium engagierten sich stark. Freiwillig fanden sich SchülerInnen zu einer AG "Stolpersteine", die selbstständig verschiedene Aspekte beleuchteten. Und nach und nach wurden aus den Namen Menschen mit Gesichtern, Einzelschicksale aus dem Millionenheer. Arbeit im Landesarchiv, viele Gespräche mit Familienangehörigen, Bekanntmachen mit schriftlichen Zeugnissen, z.B. dem Tagebuch von Heinrich Mugdan - das Leben der Verfolgten wurde aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt. Und genau dieses Gefühl wollten die SchülerInnen in der feierlichen Gedenkstunde offen legen. Sie wurde sehr bewegend, denn die gelungene Mischung von Beiträgen verschiedener Generationen, von Familienmitgliedern wie Frau Wheeler, Herrn Mugdan und Herrn Selbiger, der Nachbarin Frau Thiele und den Auftritten der SchülerInnen ließ keinen im Saal unbeeindruckt.

Gemeinsam gingen wir zum Güldenhofer Ufer 10, um Blumen niederzulegen. Die Schweigeminute war mir wichtig. Von uns fiel alle Anspannung ab, denn Tommy und ich hatten in einem szenischen Rückblick einen Ausschnitt aus Käte Mugdans Leben dargestellt. Wir hatten zwischenzeitlich das Gefühl, mit diesen Personen zu verwachsen. Als wir die Rose niederlegten, wurden wir wieder ganz wir selbst.

Anschließend liefen wir nicht einfach auseinander. Die evangelische Gemeinde Baumschulenweg hatte uns einen Raum zur Verfügung gestellt. Dort trafen wir uns, sprachen über die vergangenen Stunden, das Leben damals und manchmal wurde ich doch wieder die "Großmama". Es gibt Tage, die einen prägen - das ist einer davon.

J. Hildebrandt / T. Wiesner



Fotos: Heinecke-Wolzenburg, Jacob